Emotionaler, besonderer Abend: HSG Konstanz stürzt den Tabellenführer

Handball 3. Liga:

HSG Konstanz – SG Nußloch 27:23 (12:12)

Konstanz feiert nach toller Vorstellung fünften Heimsieg in Folge.

HSG beendet die Serie der seit neun Spielen ungeschlagenen Nußlocher.

 

Riesenjubel in der Konstanzer „Schänzle-Hölle“: 800 tobende Zuschauer feierten mit ihrer Mannschaft nach einer beeindruckenden Vorstellung einen 27:23 (12:12)-Erfolg gegen den bisherigen Spitzenreiter SG Nußloch, der zuvor neun Spiele ohne Niederlage geblieben war. Durch den fünften Heimsieg in Folge stürzte die HSG Konstanz die SG Nußloch von der Tabellenspitze und brachte der SG die erst dritte Niederlage der Saison bei. Mit einer phänomenalen Abwehrleistung stoppte die HSG den mit Abstand treffsichersten Angriff der Liga. Nur 23 Tore hatte es bei Nußloch noch nicht gegeben, mindestens 26 Treffer waren der SG bislang immer gelungen.

 

Riesengroß war die Freude nach dem Triumph gegen den bisherigen Tabellenführer bei den Spielern der HSG Konstanz. Minutenlang umarmten sie sich und wollten sich am liebsten gar nicht mehr los lassen. Mit einer tollen Mannschaftsleistung hatten sie soeben den scheinbar unbezwingbaren Ligaprimus geschlagen – nach über drei Monaten voller Erfolgserlebnisse für den Spitzenreiter. Doch die schönste Aktion des Tages kam danach aus der Kabine der HSG Konstanz. Über Facebook verbreiteten die siegreichen Konstanzer im Moment des großen, völlig unerwarteten Triumphs ein Bild vom Trikot ihres verletzten Top-Torschützen Paul Kaletsch. Der Sieg sollte auch seiner sein.

 

Ohne den frisch am Knie operierten und auf Krücken gehenden Paul Kaletsch brannte die HSG Konstanz von der ersten Minute ein regelrechtes Feuerwerk ab. Das und die Tatsache, dass im Vorfeld kaum jemand mit einem Erfolg der Konstanzer gerechnet hatte, machte die Freude umso größer. Es sind diese Momente, wenn der vermeintlich Kleine den Großen ärgern und sogar stürzen kann, die besonders in Erinnerung bleiben. Es war einer dieser großen Abende in der wieder einmal zur brodelnden „Schänzle-Hölle“ gewordenen Arena, wo in der Vergangenheit schon reihenweise Tabellenführer gestürzt wurden, der zu einem ganz speziellen Erlebnis für die Gastgeber wurde. „In Nußloch verlieren wir noch unglücklich mit einem Tor, hier gewinnen wir am Ende sogar souverän mit vier Toren – da sieht man wieder einmal, was unsere „Schänzle-Hölle“ ausmacht“, so HSG-Torwart Maximilian Folchert.

Maximilian Folchert mit einer seiner vielen Paraden: Hier scheitert Panagiotis Erifopoulos am HSG-Schlussmann

Doch dieses Mal war es auch etwas anders. Nicht einmal die Spieler der HSG hatten im Vorfeld wirklich mit einem Erfolg gegen Nußloch gerechnet. „Es war heute der Hammer. Wir haben überhaupt nicht mit diesem Ergebnis und dieser Leistung gerechnet, nachdem wir in Neuhausen ein katastrophales Spiel gemacht haben und die Trainingswoche auch nicht optimal verlaufen ist“, meinte etwa der zuvor zur Höchstform aufgelaufene HSG-Schlussmann Maximilian Folchert. „Eine solche Trotzreaktion vor solch einer geilen Kulisse, die uns ungemein gepusht hat, ist da umso schöner.“ Und in der Tat spürten auch die 800 Konstanzer Fans, dass ihr Team gegen die mit Abstand beste Offensive der Liga ihre Unterstützung dringend benötigte. Von der ersten Minute an sorgten sie für eine atemberaubende Atmosphäre, an der auch die zahlreichen und lautstarken Gästefans aus Nußloch beteiligt waren. Die Stimmung auf den Rängen war eines Spitzenspiels mehr als würdig.

Emotionaler Abend: Fabian Schlaich jubelt nach einem seiner drei Treffer

Und auch auf dem Spielfeld war es packend und mitreißend, was die zweitbeste Abwehr der Liga auf Konstanzer Seite den Gästen mit ihrer Zweitliga erfahrenen Offensive entgegen setzte. Schon nach sechseinhalb Minuten war die Schänzle-Sporthalle zu einem wahren Hexenkessel mutiert, als Maximilian Folchert den ersten Siebenmeter der Gäste parieren konnte und damit den Rückstand bei einem Tor halten konnte (1:2). Nicht einmal sechs Minuten später parierte er auch den zweiten Strafwurf der SG Nußloch und sicherte die mittlerweile erspielte 4:2-Führung. In der zweiten Halbzeit wehrte er dann auch noch den dritten Versuch von der Siebenmetermarke ab und strahlte nach dem Abpfiff: „Ich habe heute Besuch aus der weit entfernten Heimat bekommen. Für einige war es das erste Handballspiel, das sie von mir gesehen haben. Natürlich hat mich das extra angespornt. Ich wollte heute unbedingt eine Topleistung zeigen.“ Die wurde ihm auch von HSG-Cheftrainer Daniel Eblen bescheinigt: „Unsere Abwehr war wirklich kompakt und Max hat richtig gut gehalten. Wir haben heute viel wechseln und uns viel einfallen lassen müssen, um die vielen Aufgaben, die uns Nußloch gestellt hat, erfolgreich lösen zu können. Wenn es dann so läuft, ist das eine geile Sache vor solch einer Kulisse.“ Wahlweise hatte Nußloch mit einer Manndeckung gegen den Konstanzer Rückraum, einer 5:1-Abwehr und am Schluss auch mit einer offenen Deckung agiert.

 

Die SG Nußloch hatte sich dabei auch nicht nach der Roten Karte und der einhergehenden Disqualifikation gegen ihren besten Torschützen Pierre Freudl, der mit 137 Treffern die viertmeisten Tore der Liga erzielt hat, aus dem Konzept bringen lassen. Mathias Riedel wurde beim Stand von 5:2 (13.) in der Luft unsanft gebremst und auf den Boden zurückgeholt, woraufhin die Schiedsrichter ihn vorzeitig vom Feld schickten. Doch Nußloch wirkte überhaupt nicht geschockt, ging gar mit 7:6 in Führung (19.) und lieferte Konstanz einen packenden Schlagabtausch und wäre fast mit einer 12:11-Führung in die Pause gegangen, wenn nicht der kaum zu bremsende Kapitän Matthias Faißt mit einem seiner insgesamt acht Tore kurz vor der Halbzeit für den 12:12-Ausgleich gesorgt hätte.

Zeigte nicht nur mit seinen acht Toren seine ganze Klasse: Mannschaftskapitän Matthias Faißt

Es war die letzte Führung des bisherigen Tabellenführers, denn nach der Pause erarbeitete sich Konstanz schnell wieder eine Drei-Tore-Führung (17:14, 39.). Mit einer begeisternden Vorstellung wurde Nußloch nun deutlich auf Abstand gehalten (20:15, 45; 25:20, 54.), auch wenn Nußloch beim 20:18 (48.) und 25:22 (56.) noch einmal gefährlich nahe heran gekommen war. Was dann folgte, war ausgelassener Jubel bei den Konstanzern nach dem neunten Sieg im elften Heimspiel – der zweitbeste Wert der Liga. Das starke HSG-Kollektiv hatte den großen Favoriten tatsächlich gestürzt. Neben großer Freude war allerdings auch große Erleichterung nach den letzten Negativerlebnissen in fremden Hallen spürbar. „Die Tore aus dem Rückraum waren heute ebenso wichtig wie die Tatsache, dass Mathias Stocker alle drei Siebenmeter souverän verwandelt hat. Ich bin heute sehr zufrieden, auch weil wir in der entscheidenden Phase gut agiert und wichtige Tore erzielt haben. Damit angesichts der engen Tabellensituation kein Druck entsteht und für das Selbstvertrauen war der heutige Sieg ungemein wertvoll“, resümierte Daniel Eblen sichtlich erleichtert. „Es war auch wichtig, dass unser Mentaltrainer Tarek Amin noch einmal mit den Jungs gearbeitet hat. Man hat heute gesehen, dass wieder viel mehr Selbstvertrauen und Zug zum Tor da war.“

 

Ein wichtiger Sieg also für die HSG. Für das Selbstvertrauen, für die Position im Spitzenfeld der 3. Liga – und für den verletzten Paul Kaletsch. Ein besonderer Abend für Konstanz, der sich in die lange Reihe der Highlights in der „Schänzle-Hölle“ einreiht. Stellvertretend für alle Konstanzer beschrieb Felix Krüger (siehe Bild ganz oben), der seine ersten beiden Tore vor heimischer Kulisse erzielt hatte, seine Gefühlslage so: „Sensationelles Gefühl, einfach Wahnsinn, den Tabellenführer schlägt man nicht jedes Mal. Einfach geil. Ich bin gerade überwältigt und überglücklich, dass wir das geschafft haben. Wir haben super zusammen gespielt, heute hat einfach alles gepasst. Der Moment, wenn man hier in der tobenden Halle seine ersten Tore macht – schon ein besonderes Gefühl. Jetzt heißt es gemütlich feiern!“

 

HSG Konstanz: Wolf, Folchert (Tor); Schlaich (3), Schweda (2), Groh (3), Riedel (2), Hafner (2), Mittendorf, Flockerzie (1), Stocker (4/3), Faißt (8), Krüger (2), Lauber, Bruderhofer.

Zuschauer: 800